Ich besuchte das Bombay Leprosy Project, BLP, das seit drei Jahren von Dinslaken aus getragen wird. Tagtäglich konnten wir in den Slums und unter den Patienten, die sich in den Lepraanlaufstellen bestimmter Krankenhäusern meldeten, neue Leprafälle finden, und zwar nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kleinkindern.

Die soziale Situation der neuen Patienten ist erbärmlich!

 

Die erste Reise Januar/Februar führte nach Indien. Der Indische Subkontinent ist für mich immer voller Spannungen, Überraschungen, voller Emotionen, aber auch voller Schwierigkeiten. Schon die Verständigung mit den Einheimischen erfordert eine absolute Konzentration. Über 200 Sprachen, dazu kommen noch  etliche Dialekte, machen den Ärzten das Leben schwier. Die wenigsten Patienten sprechen Englisch. Das bedeutet, ohne einen Übersetzer wäre es gar nicht möglich zu erfahren, was der Patient während der Untersuchung mitteilen will. So war die Kommunikation mit den Patienten auch mein größtes Problem und schränkte meine Beweglichkeit und Hilfsbereitschaft stark ein. Die Untersuchungen in den Slums konnte ich schon aus diesem Grunde nicht alleine durchführen, abgesehen davon, dass es nicht ungefährlich war. Die einheimischen Ärzte sprechen Englisch und zusätzlich einige lokale Sprachen. Ich bewunderte Herrn Dr. Pai, unsere Kontaktperson in Bombay, der problemlos mit allen Patienten, egal aus welchen Entfernungen und Richtungen sie kamen, sich unterhalten konnte.

So war ich stets mit Dr. Pai  von früh bis spät abends unterwegs, um die vielen  Leprakranken und Menschen mit Verdacht auf Lepra in unserem Bombay Leprosy Project (BLP) zu versorgen.

Das BLP Objekt ist ein kleines Häuschen mit winzig kleinen Räumen, in denen viele Menschen arbeiten. Jeder von ihnen beschäftigt sich mit eigenen Aufgaben, z.B. Physiotherapie, Medikamentenausgabe, Anfertigung von mikroskopischen Präparaten, deren Färbung und schließlich Auswertung. Die zuletzt genannten Tätigkeiten fielen in unseren Aufgabenbereich.

Das Spülen der Objektträger mit dem gewonnenen Material, erforderte zusätzlich fließendes Wasser.  Dieses war aber nur in der Toilette vorhanden. So blieb uns in dieser Enge nichts  anderes übrig als einen Teil unserer Arbeit in der Toilette zu verrichten, alle Objektträger dort zu spülen und 10 Minuten zur wiederholten Spülung abzuwarten. In einem anderen Raum, in dem sich das Mikroskop befand, wurde der angefertigte Test ausgewertet. Hier gab es nur für 3 Personen Steh-Plätze.

Die Untersuchung der Patienten fand vor dem Eingang des kleinem Häuschens statt, und zwar auf drei stark beschädigten Stufen, ohne Handlauf und immer der gefahr ausgesetzt, rückwärts zu fallen.

Eine Untersuchung
Eine Untersuchung

Auf diesen Stufen standen wir stundenlang, um die Patienten zu untersuchen. Manche kamen von weit her, oft Hunderte von Kilometern!  Aber auch für sie gab es keine Möglichkeit, sich hinzusetzen.

„Hier ist doch etwas passiert?“ sagte ich zu Dr. Pai, da ich eine große Plandecke in Erinnerung hatte, die noch vor 2 Jahren vor dem Eingang gespannt war. Dort wurden damals die Untersuchungen durchgeführt. Es gab dort auch einen Tisch für Krankenkarteikarten und einige Stühle für die Patienten. Diesen Raum nannte Dr. Pai „Tempel der Wissenschaft“.

Was ist mit dem Tempel der Wissenschaft passiert? Dr. Pai antwortete traurig: “Bei einem starken Sturm zerriss der Wind die komplette Abdeckung vor dem Eingang. Also standen wir stundenlang im Freien vor dem Haus, um die Patienten zu untersuchen.

„Wo werden die Untersuchungen stattfinden, wenn in drei Monaten der Monsunregen kommt?,“ fragte ich weiter. Diese Frage blieb ohne Antwort. Ich wusste aber weswegen…

Wir arbeiteten auch in den Krankenhäusern, die von der Regierung betreut wurden.

Dort mussten wir an Tagen, an welchen Leprakranke dort zur Kontrolle erschienen, hinfahren. Auch in den Vororten  von Bombay konsultierten wir in den dortigen Krankenhäusern die Leprakranken. Täglich entdeckten wir 2 bis 4 neue Patienten, teilweise schon verstümmelt und halbblind. Im Stillen dachte ich es könnten bestimmt  doppelt und dreifach so viele gefunden werden, wenn mehr Lepra-kompetente Ärzte zur Verfügung stünden.

Zu unserem BLP Projekt gehören auch die größten Slums Asiens: Darahvi mit 2 Mill. Einwohnern. Die Untersuchungen in den Armenvierteln gestalten sich äußerst schwierig. Dort gibt es keine Toiletten, kein Wasser, kein elektrisches Licht.

Statistisch gesehen liegen die Zahlen der Leprakranken in Bombay weltweit an der Spitze.

Dass, das Bombay Lepra Projekt dringend Hilfe benötigt, steht außer Diskussion.

Die Gesichter der leidenden Leprakranken sehe ich  oft mit geschlossenen Augen. Es sind Erinnerungen, die für immer bleiben. Ich bin nicht in der Lage, Ihnen mit Worten ein genaues Bild unseres Projekts wiederzugeben. Das Leid der Menschen ist für mich zutiefst erschütternd. Deshalb habe ich auch für das nächste Jahr wieder einen  Flug nach Bombey eingeplant.

Während meines Besuches in Bombay wurde der „Welt-Lepra-Tag“ in Erinnerung den Bewohnern der 14 Millionen Stadt gerufen. Dies wurde am 30. Januar 2015 begangen. Während der Feier wurde Dr. Pai, der Direktor des BLP – das dinslakener Projekt – mit einer Mahatma Gandhi Auszeichnung vom Dr. Deepak Sawant, 1. Health Minister of Maharashtra, geehrt.

Der Minister überreichte mir, als Vertreterin der Stadt Dinslaken, einen großen, wunderschönen Blumenstrauß mit Danksagung für die finanzielle Unterstützung der Lepraarbeit in Bombay.

Ehrung
Ehrung
Lepraärzte
Lepraärzte