Eine 80-jährige Patientin, die ich schon jahrelang in Dinslaken betreue, wandte sich im Frühjahr 1994 an mich mit der Frage, ob ihr gesundheitlicher Zustand ausreichend gut sei, um eine Reise in ihren Heimatort Rostov am Don in Russland zu wagen. 

Natürlich war ich bereit, ihre gesundheitlichen Probleme zu minimieren. Gleichzeitig kamen mir die Geschichten der Lepra im Kaukasus in Erinnerung. Ich überlegte, ob diese Patientin mir bei der Suche nach Leprakranken im Kaukasus helfen könnte. So nahm ich die Gelegenheit wahr und bat sie, mir Informationen in Rostov am Don zum Thema "Lepra" zu verschaffen.

Mit Spannung wartete ich auf ihre Rückkehr aus Rostov am Don. Ein wenig hoffte ich, dass diese Patientin mir weiter helfen könnte. Jedoch alle meine Erwartungen wurden übertroffen! Die Patientin überreichte mir strahlend einen Brief. Es war ein Schreiben von einem unbekannten Arzt, der über die Situation der Leprakranken im Kaukasus berichtete und mir gleichzeitig Adressen von drei Lepra-Einrichtungen bekannt gab.
Es folgten Brief- und Telefonkontakte. Die Reise zu den Leprakranken im Kaukasus konnte vorbereitet werden.

Im Juli 1995 startete ich in Begleitung meines Mannes mit der Lufthansa nach Rostov am Don. Wir führten eine umfangreiche Fracht mit uns, darunter auch spezifische und allgemeine Medikamente, die das Deutsche Aussätzigen Hilfswerk (DAHW) in sehr großzügiger Weise für die Behandlung der Leprakranken im Kaukasus spendete.
Die Kollegin vor Ort, Frau Swietlana Tkatschenko, empfing uns sehr freundlich am Flughafen und brachte uns in die Lepra-Ambulanz.

Die Patienten ließen sich ohne Vorbehalte untersuchen und erzählten ihre Krankheitsgeschichten. Sie hofften auf eine Besserung durch die Behandlung mit den mitgebrachten Medikamenten.
Sowohl Frau Tkatschenko als auch das gesamte Personal der Lepra-Ambulanz verbreiteten eine vertraute Atmosphäre. Ich hatte das Gefühl, wir kannten uns alle schon lange.

Nur die Probleme, die durch die dortigen Zollbehörden entstanden, waren für uns wie ein Dorn im Herzen. Wir durften die mitgebrachte Fracht nicht in Empfang nehmen. Laut Zollbestimmungen fehlten uns einige Stempel, die wir in diversen Behörden erkämpfen mussten, es fehlten uns Formulare, die man erst ausfüllen und einreichen musste. Wir wurden angehalten, noch einmal Listen der mitgebrachten Medikamente in kyrillischer Schrift zu erstellen. Täglich warteten wir am Zollamt einige Stunden, um diese Formalitäten zu erledigen. Nach 7 Tagen, ich hatte insgesamt nur 14 Tage Urlaub, völlig entnervt, stellten wir dem Leiter des Zollamtes ein Ultimatum: Entweder gibt er uns sofort die gesamte Fracht frei, oder wir organisieren einen Bus, der die verunstalteten Leprakranken direkt in sein Büro bringt mit dem Hinweis, sie könnten sich selbständig die Medikamente, die Hilfsmittel und Kleidungsstücke nehmen, die wir ausschließlich für sie mitgebracht hatten.
"Das ist doch nicht Ihr Ernst", sagte der Leiter des Zollamtes. Noch am selben Tag wurde uns die gesamte Fracht ausgehändigt.
Ein Stein fiel mir vom Herzen! Endlich waren diese Probleme bewältigt!
Wir verteilten die Hilfsgüter auf die drei Lepraeinrichtungen, für die Lepra-Ambulanz in Rostov, für das Terski-Leprosorium, das an der Tschetschenischen Grenze liegt, und an das Abinski-Leprosorium, das sich am Schwarzen Meer befindet.


2009

Frau Dr. Tkatschenko befasst sich weiterhin mit ambulanten Patienten. Sie pflegt freundschaftliche Kontakte zu allen Leprologen der ehem. Sowjetunion. Sie nimmt aktiv teil an allen Leprakonferenzen. Sie ist auch von den Leprakranken sehr beliebt.